Interview auf MoneyCab - digitalisierte Weiterbildung hat seit Coronakrise, Lockdown und Schulschliessungen eine ganz andere Dimension

Von patrick.gunti / InterviewMONEYCAB 
08. Mai 2020, 12:44 Uhr

von Patrick Gunti

Moneycab.com: Herr Blattmann, digitalisierte Weiterbildung ist kein neues Thema, hat aber seit Coronakrise, Lockdown und Schulschliessungen hat es eine ganz andere Dimension. Wie haben Sie die letzten Wochen erlebt?

Alex Blattmann: Die Digitalisierung hat seit Ausbruch von COVID-19 enorm an Dynamik gewonnen. Viele Vorurteile konnten abgebaut werden. Die mit der Coronakrise verbundene Planungsunsicherheit sorgt bei vielen Institutionen dafür, dass Bildungsangebote agil und flexibel angepasst werden. Plötzlich wird experimentiert, schnell gelernt und nach innovativen und nachhaltigen Konzepten gesucht. Während der Wettbewerbsdruck und die Digitalisierung andere Sektoren bereits viel früher dazu zwang, sich zu verändern, wird nun die Bildung herausgefordert, sich neu aufzustellen, ja neu zu erfinden.

In der ersten Lockdown-Woche hat MaxBrain mehr Anfragen erhalten als zuvor in der gesamten vierjährigen Firmengeschichte. Wie viele Neukunden konnten Sie gewinnen?

Die ersten Wochen des Lockdowns waren herausfordernd, mit dutzenden von Anfragen und mehreren Neukunden pro Woche. Jetzt hat sich die Nachfrage auf einem hohen Niveau eingependelt. Parallel zu den Soforthilfe-Paketen arbeiten wir bereits mit vielen Kunden an langfristigen und nachhaltigen Digitalisierungsprojekten.

Unser Dienstleistungsversprechen ist, dass der Kunde in nur einem Arbeitstag die MaxBrain Applikation für die (Weiter-)Bildungsteilnehmer einsetzen kann.
Alex Blattmann, Co-Founder und CEO MaxBrain

MaxBrain hat schnell reagiert und ein „Corona Soforthilfe-Paket“ lanciert. Was bietet dieser Ersatz für den Präsenzunterricht?

Das Soforthilfe-Paket zielt darauf ab, Institutionen schnell und unbürokratisch zu kalkulierbaren Kosten zu unterstützen. MaxBrain hat mit der Vollintegration von Zoom Online Meetings und Webinaren schnell auf virtuelle Vorlesungen umgestellt. In einem zweiten Schritt stehen interaktive Lerndesigns, Lernkontrollfragen, eLearnings und interaktive Lektionen zur Verfügung, um den klassischen Frontalunterricht zu dynamisieren. Für grössere Institutionen haben wir Mobile Apps mit eigenem Marke im Angebot, um bei den Lernenden stets präsent zu sein.

Wie schnell lässt sich der digitale MaxBrain Classroom in Betrieb nehmen und welche Voraussetzungen müssen erfüllt sein?

Unser Dienstleistungsversprechen ist, dass der Kunde in nur einem Arbeitstag die MaxBrain Applikation für die (Weiter-)Bildungsteilnehmer einsetzen kann. Dazu gehört die Konfiguration des Tools und die Schulung. Als Voraussetzung brauchen Teilnehmer einzig eine stabile Internetverbindung und ein Computer, Tablet oder Smartphone.

Für Mai und Juni hat der Bundesrat nun Lockerungen angekündigt, auch der Schulbesuch wird wieder möglich. Wie nachhaltig werden die Auswirkungen des digitalen Unterrichts der letzten Wochen sein?

Die Coronakrise wird die Digitalisierung in allen Belangen unseres Lebens beschleunigen, Verhaltensänderungen provozieren und neue Geschäftsmodelle hervorbringen. Solche Zäsuren, die Innovationssprünge auslösen und ein Stück weit erzwingen, sind einzigartig. Alles Digitale bekommt in der Krise einen verbindendes Element: Verschiedene Bevölkerungsschichten und Altersgruppen sind plötzlich gleichgestellt und adoptieren neue Verhaltensformen, die vorher nur den “Digital Natives” zugetraut wurden.

Jetzt kommen die technologischen Innovationen voll zur Geltung, die schnelleres, flexibleres, regelmässigeres und zielgerichtetes Lernen ermöglichen. Die Verkürzung von Lerneinheiten (Bite-Sized Learning), mobiles Lernen, die konsequente Nutzung von Verhaltensdaten (Artificial Intelligence) und die Abbildung von individuellen Lernpfaden werden jetzt den Durchbruch schaffen.

„Die Coronakrise wird die Digitalisierung in allen Belangen unseres Lebens beschleunigen, Verhaltensänderungen provozieren und neue Geschäftsmodelle hervorbringen.“

Sie haben die Videokonferenzlösung Zoom in die Plattform integriert. Das zeigt aber nur einen kleinen Teil der Möglichkeiten auf, was mit digitalem Unterricht alles möglich ist. Wie lässt sich der Unterricht darüber hinaus innovativ gestalten?

MaxBrain ist seit 2019 Mitglied des Swiss EdTech Colliders der EPFL. Dieses Gefäss sorgt dafür, dass innovative Technologien im Bereich Bildung unterstützt werden. Mit ersten Firmen wie Classtime oder Taskbase arbeiten wir bereits zusammen. Sie bieten beispielsweise interaktive Lernlösungen, teil-automatisierte und trotzdem qualitative Feedbacks oder selbstlernende Systeme, die individuelle Lernpfade ermöglichen. So wird MaxBrain mit eigenen Innovationen und der Integration von innovativen Drittprodukten international die Art und Weise verändern, wie Berufstätige überall und jederzeit lernen. Einzigartig ist dabei unsere Technologie, welche verschiedene Content-Quellen für den End-User integriert aber trotzdem individualisiert nutzbar macht.

Die Pandemie hat das digitale Lernen nach vorne katapultiert und vieles ist nun möglich, was vor ein paar Monaten noch nicht absehbar war. Welches werden nun in den nächsten Jahren die nächsten Entwicklungen sein?

Die mit der Digitalisierung verbundene Automatisierung, Artificial Intelligence und Machine Learning eröffnen neue didaktische Möglichkeiten und machen Ressourcen frei, um Lernen individueller, persönlicher und dadurch relevanter zu gestalten. Besonders aufgrund global skalierbarer Inhalte wird das beste Wissen, welches oft auch kostenlos angeboten wird, schneller den Lernenden erreichen. Wir dürfen mehr denn je von einer Demokratisierung der Bildung träumen.

„Unsere Technologie orientiert sich am Design von sozialen Medien wie LinkedIn und Instagram und sieht im nächsten Entwicklungsschritt sehr ähnlich aus wie Netflix.“

Als entscheidenden Erfolgsfaktor der digitalen Weiterbildung beurteilen Sie das zur Verfügung stellen von einfachen und intuitiven Lösungen. Können Sie uns aufzeigen, wie MaxBrain dieses Credo umsetzt?

Digitale Tools können oft zu viel. Das sorgt dafür, dass sich (End-)Nutzer nicht mehr zurecht finden und digitale Tools in der Kritik stehen. Unsere Technologie orientiert sich am Design von sozialen Medien wie LinkedIn und Instagram und sieht im nächsten Entwicklungsschritt sehr ähnlich aus wie Netflix. Wir erfinden das Rad nicht neu sondern setzen auf bereits erfolgreiche Design-Konzepte, die global, alters- und kulturübergreifend funktionieren. Mit unserer Feature-Switch-Architektur können wir sämtliche Features auf der Plattform per Knopfdruck an- und abschalten und sorgen so dafür, dass überall nur das wirklich Relevante gezeigt wird.

Das MaxBrain-Kundenportfolio ist breit und umfasst Hochschulen ebenso wie die Gebäudeversicherung des Kantons Zürich oder den Bundesligisten Schalke 04. Zu den neuen Kunden von MaxBrain gehört nun mit Bratschi.ch erstmals auch eine Anwaltskanzlei. Welche Entwicklungschancen und sehen Sie im Legal-Bereich?

Viele Anwaltskanzleien stecken in punkto Digitalisierung noch in den Kinderschuhen. Sowohl was Produktivitätstools, Prozessautomatisierung aber auch die Aus- und Weiterbildung anbelangt, schlummern hier riesige Potenziale. Bratschi.ch ist eine der ersten Kanzleien der Schweiz, welche die mit der Digitalisierung verbundenen Potenziale erschliessen will. Digital affine und gut ausgebildete Mitarbeiter bilden die Basis, um darauf aufbauend die digitale Transformation erfolgreich zu bewältigen.

Letzte Frage: Sie haben selber eine umfassende Ausbildung abgeschlossen und sprechen sechs Sprachen fliessend. Wie viel davon haben Sie sich im Präsenzunterricht angeeignet?

Das ist eine gute Frage! Französisch, Englisch und Italienisch habe ich in der Primarschule und dann auf dem Gymnasium gelernt. Spanisch und Portugiesisch habe ich mir grösstenteils im Selbststudium zu Hause am Computer und auf Reisen beigebracht. Nur mit Mandarin bin ich bislang überhaupt nicht zurechtgekommen, trotz mehrerer Stunden Privatunterricht.

Herr Blattmann, besten Dank für das Interview.